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Stadtrat

Diskussion um Fünfraumwohnungen in der Innenstadt

von Jenny Thümmler

CDU-Stadtrat Gerd Weise sprach in der jüngsten Sitzung fehlende Vier- und Fünfraumwohnungen in der Innenstadt an, forderte von der Stadtverwaltung ein Wohnkonzept und von KommWohnen ein Mitmachen. Geschäftsführer Arne Myckert äußert sich hier im Interview zu den Vorwürfen.

 

Herr Myckert, in der jüngsten Sitzung hat CDU-Stadtrat Gerd Weise ärgerlich behauptet, es gebe in der Görlitzer Innenstadt zu wenige Fünfraumwohnungen und mithin zu wenige Wohnungen für junge Familien mit mehreren Kindern. Hat Sie dieser Vorstoß überrascht?

Ja, sehr. Weil Herr Weise schon einmal die Frage im Stadtrat aufgeworfen hat und wir danach miteinander ein längeres Gespräch geführt und vereinbart haben, dass wir in einem größeren Kreis über die Frage diskutieren wollten, wie der Bedarf an Wohnungen für Familien in Görlitz ist. Und ob es flankierender Maßnahmen wie Fördermittel bedarf, um mehr dieser Wohnungen, wenn sie denn tatsächlich benötigt werden, zu errichten. Dieser Termin war miteinander besprochen. Dass er sich jetzt vorab auf diese Weise äußert, hat mich schon überrascht.

Stadtübergreifend gesehen: Fehlen in Görlitz tatsächlich Fünfraumwohnungen?

Das hängt von den Segmenten ab. In den Bereichen, wo Menschen mit mittleren und höheren Einkommen leben, scheint es mir auch ein Angebot dieser Wohnungen zu geben. Ganz gelegentlich haben wir in diesem Segment auch mal eine Wohnung, die durch Zusammenlegung zweier kleinerer Wohnungen entsteht. Diese vermarkten sich nicht ganz so schnell, weil mehr Menschen kleinere Wohnungen suchen. Auf der anderen Seite sind die größeren Wohnungen länger vermietet. So haben wir das am Hirschwinkel erlebt, wo wir über zwei Etagen Maisonettewohnungen erstellt haben. Aber dass wir jetzt permanent Anfragen hätten nach solchen Wohnungen, ist zumindest bei uns nicht der Fall. Im Moment sind in der Innenstadt bis auf eine all unsere großen Wohnungen vermietet.

Gründerzeitwohnungen sind historisch bedingt recht groß. Könnte man daraus  Fünfraumwohnungen machen, die heutigen Maßstäben genügen?

Wir sind in der Gründerzeit nicht frei in der Gestaltung der Grundrisse, weil die Gebäude unter Denkmalschutz stehen. Wir müssen uns immer abstimmen und uns natürlich auch an der Struktur des Gebäudes orientieren. Die Fenster sind keine durchgängigen Lichtbänder, wo man am Fenstersteg immer wieder eine Zwischenwand anstellen könnte. Dadurch ist die Raumstruktur weitestgehend vorgegeben. Es ist nicht ganz so einfach, zu zeitgemäßen Raumgrößen zu kommen und zu Grundrissen, die für Familien interessant sind. Man kann nicht einfach ein großes Zimmer unterteilen, weil dann nur zwei schlecht geschnittene Räume entstehen würden, die keiner braucht.

In der Innenstadt-West, in der angeblich Familienwohnungen fehlen, gibt’s ja aber fast nur Gründerzeithäuser.

Es sind nicht alle Häuser gleich. Bei größeren Gebäuden, die zwei oder drei Wohnungen pro Stockwerk haben, kann man eher neue Strukturen durch Zusammenlegung schaffen als in kleineren Häusern wie beispielsweise der Jochmannstraße 10a, wo es nur eine Wohnung pro Etage gibt. Bei letzteren ist der Grundriss quasi vorgegeben und nicht viel an Veränderung möglich. Das unterscheidet sich also sehr von Gebäude zu Gebäude.

KommWohnen hat sich in den vergangenen Jahren eher dazu entschlossen, in den Gründerzeithäusern Zweiraumwohnungen zu schaffen, wie zuletzt an der Löbauer und der Brautwiesenstraße. Warum?

Wir haben für diese Stadtgebiete immer wieder Anfragen nach kleineren Wohnungen bekommen, die wir nicht bedienen konnten. Insbesondere nach altersgerechten Wohnungen. Wir wissen alle, dass der Altersdurchschnitt in Deutschland immer weiter steigt und dass gerade in Görlitz als Region überdurchschnittlich viele ältere Menschen leben. Also müssen wir uns natürlich auf diese Zielgruppe einstellen. Wenn wir dann Baumaßnahmen durchführen, bei denen wir Grundrisse verändern, versuchen wir erstmal dort, Versorgungslücken zu schließen, wo der Bedarf am größten ist. Und das ist aus unseren Erfahrungen der vergangenen Jahre ganz deutlich der Bereich der Seniorenwohnungen.

Wird das auch der Weg beim Leipziger Platz sein?

Das ist bei unseren aktuellen Baumaßnahmen überwiegend der Fall. Dort, wo wir durch einen gemeinsamen Flur mehrere Gebäude mit einem Aufzug barrierefrei schaffen können, gehen wir eher in die Richtung, kleinere Wohnungen für Senioren zu bauen. Gleichzeitig sind wir ja aber auch am Hirschwinkel 20/21 gerade damit beschäftigt, das ehemalige Studentenwohnheim, in dem es viele Einzelzimmer gegeben hat, so neu aufzuteilen, dass dort pro Etage zwei große Familienwohnungen mit rund 150 qm entstehen. Und auch da sind wir ganz zuversichtlich, dass wir Mieter finden werden. Wir bereiten uns bei unseren Baumaßnahmen also eigentlich immer auf alle Zielgruppen vor.

Ein weiterer Vorwurf von Herrn Weise ist, dass die Viertel zu wenig durchmischt wären, wenn nur Seniorenwohnungen entstehen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube, das findet statistisch keine Entsprechung. Wir haben kaum einen Standort, in dem es weniger altersgerechte Wohnungen gibt, mithin auch weniger Senioren. Also tragen wir quasi jetzt erst dazu bei, dass durchmischt wird. Ich weiß nicht genau, was Herr Weise mit Durchmischung meint, aber mit den Senioren, die wir in der Innenstadt gerade zu versorgen versuchen, schaffen wir eine Vielfalt, die wir vorher nicht hatten. Gleichzeitig locken wir neue Zielgruppen in die Gründerzeit. Bisher war es so, dass sich bestimmte Gesellschaftsgruppen in bestimmten Stadtgebieten besonders wohl gefühlt haben. Beim Probewohnen haben wir festgestellt, dass es die Menschen aus Königshufen und Weinhübel gar nicht so sehr in die Innenstadt zieht, sondern dass sie froh sind, am Stadtrand im Grünen zu wohnen. Gleichzeitig gibt es Menschen, die sich nicht vorstellen können, in der Peripherie zu wohnen, weil die kurzen Wege in der Innenstadt für sie ein ganz schlagkräftiges Argument sind. Die Zielgruppe, die gern in der Innenstadt wohnt, ist dort bereits. Und wenn wir für diese dort neue Angebote machen, führt das nur dazu, dass die Menschen aus den Gebäuden, die in den 90er Jahren saniert wurden, in die Gebäude umziehen, die jetzt saniert wurden. Weil wir nun aber für eine neue Zielgruppe, die es noch nicht in der Gründerzeit gibt, Seniorenwohnungen bauen, schaffen wir Zuzug, ohne dass es nur einfach Verlagerung in Form von Kannibalismus der Anbieter untereinander gibt. Wir stärken den Standort durch neue Personen und schaffen eine höhere Auslastung, mehr bewohnte Gebäude und auch mehr Nachfrage bei den Dienstleistern und Händlern, weil einfach die Gesamtzahl der Menschen steigt.

Ist die geäußerte Idee, eine ganze Etage eines Hauses als Eigentumswohnung herauszulösen, einen Gedanken wert?

Mich wundert sehr, dass das überhaupt angesprochen wird. Als ich vor zehn Jahren nach Görlitz gekommen bin, habe ich mich natürlich über den Wohnungsmarkt informiert und festgestellt, dass es ein riesiges Angebot an Eigentumswohnungen gibt, die wahnsinnig günstig verkauft werden. Ich glaube, dass hier zumindest keine Knappheit besteht. Auch wenn man manche Angebote auch selber entwickeln muss, nicht alle sind in einem Topzustand. Aber die Vorstellung, dass jetzt KommWohnen als Bauträger ein Gebäude saniert, um dann daraus Eigentumswohnungen zu machen, so wie das in den großen Ballungsräumen massenhaft passiert, um als Bauträger auch ordentliche Umsätze zu machen – das ist meiner Meinung nach nicht das Kerngeschäft der Gesellschaft.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass es keine bezahlbaren Wohnungen für Familien gebe?

Das kann ich verstehen. Ich wundere mich bloß, dass es ausgerechnet von Herrn Weise mit seinem beruflichen Background vorgetragen wird. Wir haben jedoch sehr wohl ein Problem. Wir werden häufiger von jungen Familien gefragt, ob wir günstige Wohnungen haben, die noch ins Raster der Richtlinien für die Kosten der Unterkunft (KdU) passen. Das müssen wir leider immer wieder verneinen. Wir würden diese Wohnungen natürlich gern vermieten, haben sie aber nicht. Wollten wir neue Wohnungen für diese jungen Familien schaffen in den Größenordnungen, wie die KdU-Vorschriften das vorsehen, müssten wir umfangreiche Baumaßnahmen durchführen. Das würde die Preise der Wohnungen in eine Höhe bringen, die dann vom Sozialamt des Landkreises nicht bezahlt würden. An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Versorgungslücke. Da wünsche ich mir, dass politisch mehr diskutiert wird, auch über die KdU-Sätze. Wenn es höhere Sätze gäbe, könnten Familien auch andere Wohnungen angeboten werden. Viele Vermieter sind einfach nicht in der Lage, neuen Wohnraum zu schaffen zu diesen Mieten, die seit 30 Jahren konstant sind. 1990 hatten wir schon dieselben KdU-Sätze wie heute. Allein die Inflation ist in diesem Zeitraum um 50 Prozent preissteigernd gewesen, im Wohnungssektor sind die Tarife stärker gestiegen, die Materialien der Baufirmen sind viel viel teurer geworden, die Baukosten haben sich in der Zwischenzeit verdoppelt, und trotzdem sind die KdU-Sätze gleich geblieben. Das heißt, gerade für private Vermieter gibt es kaum die Möglichkeit, mit solchen Mieten auszukommen. Das heißt, es wird nicht mehr investiert, und es wird vor allem nicht weiterer Wohnraum für dieses Segment geschaffen. Und das fehlt uns in Görlitz sicherlich. Da fände ich solch eine Diskussion sehr interessant.

Wie es zum Thema fehlende Familienwohnungen weiterging, lesen Sie hier.

Näheres zu den KdU-Sätzen finden Sie hier.

Fotos: KommWohnen, Screenshot Stadtrat: ©Walkomedia

 


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