Bauen und Wohnen Specials Dies & Das

Stadt auf Probe

Görlitz ist schöner als Nizza, Lissabon und Berlin

So vorbereitet wie diese Probewohnerin war wohl selten jemand. Jessy James hat vor ihrer Anreise Workshops für sich selbst und Bewerbungsgespräche für ihren Freund verabredet. Sie hat sich bei alten Bekannten gemeldet und Vereine in der Region für eine Zusammenarbeit angesprochen. Gut, sie war zuvor schon einmal in Görlitz für Workshops bei Rabryka. Doch dass sich jemand noch während seiner vierwöchigen Probewohnzeit Wohnungen in der Stadt anschaut, die er womöglich kaufen möchte, ist wirklich nicht alltäglich.

Aber so ist Jessy James. Immer Volldampf. Mittwochabend einen Auftritt in Hamburg, Freitagvormittag ein Interview in Görlitz, Freitagabend einen Auftritt. Und zwischendurch Görlitz besser kennenlernen. Schließlich ist dies das Hauptaugenmerk des Projekts "Stadt auf Probe", an dem Jessy James jetzt teilgenommen hat.

Die 33-Jährige ist freiberuflich als Spoken-Word- und Rap-Künstlerin unterwegs und hat ihren Lebensmittelpunkt in Berlin, Leipzig und Celle. In 14 Ländern hat sie bereits gelebt. "Ich bin eine Nomadin", sagt sie von sich selbst. Geboren in Aachen, in Belgien aufgewachsen, folgten Lissabon, Brighton, Nizza und viele Städte mehr. Seit 2015 gibt es ihr Projekt "Spoken Word", "das gesprochene Wort". Damit bietet Jessy James Lehrgänge an, die mal als teambildende Maßnahme wirken, mal den Teilnehmern mehr Selbstvertrauen schenken sollen, indem sie mit eigenen Texten auf eine Bühne treten – zum Beispiel mit Workshops für Schüler im ganzen Land. Mit dem Steinhaus in Bautzen beispielsweise startet im Herbst eine Kooperation über mehrere Monate. Und manchmal dienen die Spoken-Word-Kurse auch zur Resozialisierung von Gefängnisinsassen. "Bis hin zu verurteilten Schwerverbrechern", sagt sie. "Die schreiben manchmal echt tolle Texte zu ihrer Kindheit oder ihrer Drogenvergangenheit, wenn man sie einmal geknackt hat."

Die Hälfte ihrer Zeit in Görlitz hat Jessy James gemeinsam mit ihrem Freund Felix Röschl verbracht. Oder besser: mit ihrem Verlobten. Die beiden wollen nächstes Jahr heiraten – in Görlitz. Vielleicht wohnen sie bis dahin schon in der Stadt. Und wenn nicht, dann eben später. Felix Röschl beendet in ein paar Monaten sein Studium zum Diplomverwaltungswirt in Hof und arbeitet derzeit nebenbei für die Stadt München. Was die beiden bislang haben, nennen sie eine "intensive Fernbeziehung", schaffen es also, sich recht oft zu sehen.

In Görlitz aber könnte der gemeinsame Hafen liegen. Jessy James ist ohnehin viel und überall unterwegs. Voraussetzung für Felix Röschl jedoch ist neben einem Job in Görlitz auch Platz für sein Hobby: das Singen. Er hat eine klassische Gesangsausbildung absolviert, bei den Regensburger Domspatzen gesungen und ist in einem Männerchor aktiv. Das Singen will er auf keinen Fall sein lassen. "Aber ich habe schon gehört, dass es in Görlitz mit Bachchor und Europa-Chor-Akademie Möglichkeiten gibt. Das werde ich mir anschauen", sagt der 29-Jährige. Ein Vorstellungsgespräch als Musiklehrer und Chorleiter hatte er auch schon. Das Flair in der Stadt und das menschliche Klima gefallen ihm, wie er sagt. "Man fühlt sich hier willkommen."

Könnte eine Nomadin wie Jessy James in Görlitz tatsächlich einen Hafen gefunden haben? "Hier zu wohnen heißt ja nicht, nicht mehr zu reisen. Ich stehe 20 Tage im Monat auf der Bühne. Aber die Großstädte in Deutschland sind schrecklich. Immer Trubel, da kommste nicht runter." Und gleich ein Haus oder eine Wohnung in Görlitz kaufen zu wollen, habe eher Altersvorsorgegedanken. "Ist doch schön zu wissen, dass es da ein Nest gibt, in das man jederzeit zurückkehren kann." Und, auch das ist ihr wichtig: Sie möchte mit ihrer Arbeit und ihren Texten gegen den Ausländerhass ankämpfen. "Die Jugend muss man auffangen. Es ist schon teils erschreckend, was im Osten passiert. Ich habe in Bautzen selbst unschöne Dinge erlebt."

Viel zu tun also. Und auch wenn ihre Zeit in Görlitz seit Montag vorerst zu Ende ist, gibt es schon am morgigen Donnerstag ein Wiedersehen.  Denn Jessy James gehört zu den Teilnehmern des "Poetry Slam Wordka Open Air", das am Donnerstagabend auf dem Rabryka-Gelände stattfindet. Und Mitte August zum Fokus Festival ist sie wieder da. Und vielleicht bald für immer...

Zum Weiterlesen: Wie das Projekt "Stadt auf Probe" im ersten halben Jahr gelaufen ist und welche Erkenntnisse es schon gibt, sagt Constanze Zöllter, Projektverantwortliche im Interdisziplinären Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) in Görlitz:
„Wir sind bisher sehr zufrieden mit dem Projektverlauf. Seit Januar dieses Jahres haben 21 Haushalte – Paare und Einzelpersonen ebenso wie Familien mit Kindern – testweise in Görlitz gelebt. Gerade starten wir den achten Durchgang.
Das Projekt spricht viele jüngere Menschen an, mehr als die Hälfte sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, häufig stammen sie aus Großstädten wie Berlin. Nach dem ersten halben Jahr lässt sich bereits sagen, dass mit den Teilnehmenden viele neue Ideen und Anregungen in die Stadt kommen. Es ergeben sich nicht nur für die beteiligten Initiativen, die die Arbeitsräume zur Verfügung stellen, neue Kontakte und Anknüpfungspunkte. Da viele der Teilnehmenden künstlerisch tätig sind und daran interessiert sind, sich in die Stadtgesellschaft einzubringen, profitiert Görlitz auch hier. Teilnehmende haben bisher drei Kunstausstellungen in Görlitz veranstaltet, verschiedene Kreativ-Workshops angeboten und haben sich in Veranstaltungen wie die Zukunftsvisionen 2019 eingebracht. Drei Haushalte haben sich auch bereits für ein Leben in Görlitz entschieden und sind hierher umgezogen. Weitere Teilnehmende haben Gewerberäume angemietet. Durch die wissenschaftliche Befragung der Teilnehmenden am Ende ihres Aufenthaltes gewinnen wir aber nicht zuletzt neue Erkenntnisse für die Stadtentwicklung von Görlitz und vergleichbaren Städten. Das sind natürlich nicht durchweg positive Rückmeldungen. Aber nur durch realistische Einschätzungen kommt die Stadt in ihrer Entwicklung ja auch voran und kann Dinge so verändern, dass sich hier auch junge Menschen und Familien wohlfühlen. Es bleibt auf jeden Fall spannend, denn gerade ist ja erst ein Drittel der aktiven Probephase vorbei. Bis Juni 2020 werden noch viele weitere Menschen testweise in Görlitz wohnen und arbeiten.“

 


Zurück zur Übersicht

Servicepoint

02826 Görlitz, Konsulstr. 65
Telefon: 03581 461 0

Geschäftszeiten:

Mo 9.00 - 17.30 Uhr
Di 9.00 - 18.00 Uhr
Mi 9.00 - 17.30 Uhr
Do 9.00 - 17.30 Uhr
Fr 9.00 - 12.30 Uhr

Sprechzeit:
Di   9.00 - 18.00 Uhr
und nach Vereinbarung

Bitte beachten Sie unsere Betriebsruhe von 23. Dezember 2019 bis 1. Januar 2020.

 

Bei Havarie / Reparaturen / Problemen in der Wohnung

Rufen Sie uns an unter 4610!

Mo-Do  9.00-17.30 Uhr

Fr  9.00-12.00 Uhr

Nutzen Sie außerhalb der Geschäftszeiten bitte die Bereitschaftsdienste laut dem Aushang in Ihrem Haus.

 

SEGes 

02826 Görlitz, Jakobstr. 4a
Telefon: 03581 407417